Da ging ich nun heute morgen um zwölf mal wieder frisch ausgeschlafen und halbnackt auf den Balkon, um mir die erste Brise frische Luft durch die Nasennebenhöhlen pusten zu lassen. Immerhin haben wir ja dieser Tage gefühlte 25 Grad,. Und wenn man schon zum Spazierengehen zu faul ist, kann man ja wenigstens vor dem Frühstück zwei Minuten auf dem Balkon verbringen.
Ich ging also beschwingt auf den Balkon und schaute mich um. Sah die Sonne, was mich freute und erstaunte zugleich; sah rollende Rentner, was mich peripher tangierte; sah tumbe Tauben, was mich nur deshalb nicht aufregte, weil ich dazu zu müde war. Das obligatorische Killer-Einhörnchen hatte wohl Urlaub, jedenfalls habe ich es seit Wochen nicht gesehen. Oder es ist umgezogen.
Falls ja, hat es relativ schnell einen Nachmieter gefunden. Ich wurde nämlich erfreut durch die unerwartete Anwesenheit eines recht fettleibigen Nagetiers. Ein graues Nagetier mit erstaunlich langem Schwanz. Kurz: Riccarda, die Ratte. Riccarda schaute mich mindestens genau so blöde an wie ich sie. Ich habe sie anscheinend beim Mittagessen kochen gestört, denn auf dem Rasen liegen einige Brotreste, die von Intelligenz vergewaltigte Nachbarn da wohl hingeworfen haben müssen. Für die Tauben vielleicht?! Wie auch immer: Selten bescheuerte Idee.
Riccarda freut sich mindestens genauso heftig über die unsagbare Blödheit meiner Übermieter wie ich mich darüber ärgere und wollte wohl gerade emsig das Brot sammeln und es unter den Armen verteilen, oder so. Eine christliche Ratte, vielleicht. Komischerweise fühlte sie sich durch mich gestört und blieb komplett ohne Deckung auf dem Rasen stehen. Mit Intelligenz gesegnet schien also auch sie nicht zu sein. Riccarda und ich sahen uns etwa zehn Sekunden lang schweigend an. Da fiel ihr dann wohl doch auf, dass sie ja da nicht ewig stehen bleiben kann, und sie verzog sich wieder ins Gebüsch.
Nun kamen mir Gedanken über Ratten im Allgemeinen, wie man sie am besten beseitigt und auch über Pixars letzten großen Kinohit, in dem es um eine mit kulinarischen Fähigkeiten gesegnete Ratte ging. Ich beschloss, bei nächster Gelegenheit dem Hausmeister vorzuschlagen, das Gelände mit Rattengift zu pflastern. Gleichzeitig versuchte ich Riccarda telepathisch mitzuteilen, dass das nichts Persönliches sei. Das sei halt nur das normale Verhalten der Spezies Mensch beim Anblick eines Individuums der Spezies Ratte. Mal abgesehen von hysterischen Kreisch-und-Ihhhhhh-Anfällen (Diese hatte ich der Müdigkeit wegen übersprungen. Außerdem sah Riccarda ganz vertrauenerweckend aus…).
Nach einigen Sekunden Bedenkzeit hatte sich Riccarda allerdings nach Abwägung verschiedener Argumente für ein erneutes Einholen des Mittagessens entschieden. Obwohl der große, dicke, hässliche Mensch dabei zusieht. Und die Tauben auch. Aber die tun ja nichts.
Riccarda kroch also wieder aus dem Gebüsch hervor, fetzte schnellstmöglich über den Rasen und sammelte ein paar Brotstückchen ein. Ich wünschte ihr freundlich einen guten Appetit (sie erwiderte nicht). Die Tauben gurrten friedlich-blöde.
Habe es heute leider nicht geschafft, den Hausmeister zu sprechen. Naja. Ist ja auch nicht so wichtig. Vielleicht hat Riccarda ja eine leckere Brotsuppe gekocht…?!
Unwort des Tages: Rattengift.



Das klingt fast ein wenig sentimental! So kennt man dich ja gar nicht.
Das ist die Altersmilde, Roman. Je grauer der Bart, desto sentimentaler die Texte.