Wie schön, dass der Mensch fähig ist, zu sprechen. “Langage” nannte das der berühmte Schweizer Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure. Warum auch immer. Das u hat er vielleicht vergessen und uns deswegen ein neues Fachwort beschert… er war halt Wissenschaftler. Und dazu noch einer, der sich freiwillig mit Linguistik beschäftigte. Solche Menschen ekeln mich geradezu an…
Glücklicherweise sind die Fieberträume des Saussure nicht Thema dieses Artikels. Es geht vielmehr um unsere typisch deutsche Angewohnheit, im Bewusstsein unserer eigenen Wichtigkeit sofort und als hätte man einen Schalter umgelegt hochgestochen und sinnentleert daherzufaseln, sobald wir um ein Statement gebeten werden.
Haben Sie schon mal zu Ihrem Geschlechtspartner gesagt: “Ich trage mich mit dem Gedanken, unsere zwischenmenschliche Beziehung am heutigen Abend auf effektive Weise nachhaltig aktiv zu gestalten”? Oder beim Schlachter: “Zur Befriedigung eines aus dem Instinkt erwachsenen menschlichen Bedürfnisses und zur Ankurbelung und nicht zuletzt auch Aufrechterhaltung des Stoffwechsels, der mich und auch Sie am Leben erhält und in Zukunft erhalten muss, soll, darf und kann, erwerbe ich hiermit zweihundertundneunzig Gramm feinsten Hackfleisches, das vor einiger Zeit aus sowohl Schweine- als auch Rindfleisch zusammengeführt worden ist.”
So redet doch keiner! Aber sobald die Leute Abgeordneter im Kreis-, Land- oder Bundestag oder Pressesprecher bei der Wurstwasser AG sind, beim Amt arbeiten (und sei es als Papierschneidemaschinenbediener) oder aus irgend einem anderen Grund im Beruf einen Anzug tragen, fangen sie an, sinnlose Phrasen zu dreschen. Ohne, dass es nötig wäre oder jemandem hilft. Das scheint ganz einfach mit dem Beruf verwoben zu sein. So, als ob es im Arbeitsvertrag eine Klausel gäbe: “Der Arbeitnehmer hat sich in der Öffentlichkeit möglichst verwaschen, unpräzise und hochgestochen auszudrücken.”
Achten Sie mal darauf, was die Politiker bei den O-Tönen in den Nachrichten sagen. Achten Sie auf so schöne Worte wie “nachhaltig”, “effektiv”, “aktiv” und “ergebnisoffen”.
Ein wunderschönes Beispiel heute in der Tagesschau. Thema Contergan. Die verantwortliche Firma Grünenthal hat sich dazu durchgerungen, den Opfern des Medikaments die ungeheure Summe von 50 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen. O-Ton von Pressesprecherin Annette Fusenig, die so hingebungsvoll lächelte, als ob Contergan ein Aphrodisiakum sei und sie es gerade teste:
“Unsere Haltung in dem Fall ist ganz eindeutig: Contergan ist und bleibt Teil unserer Firmengeschichte. Das bedeutet für uns, dass wir hier moralische Verantwortung übernehmen und unsere freiwillige (hier schreit sie fast) Einzahlung von fünfzig!!!!!!! (man kann die Ausrufezeichen förmlich hören) Millionen Euro ist ein substantieller Beitrag, um die Lebenssituation der Betroffenen nachhaltig und dauerhaft zu verbessern.”
Politikersprech aus dem Munde einer Frau im besten Alter. Warum tut sie das? Warum redet sie so? Warum sagt sie, die Haltung sei eindeutig ? Hat der Redakteur ihr vorgeworfen, mit gespaltener Zunge zu reden? Warum ist die Verantwortung moralisch? Ist die nicht immer moralisch? Oder gibt es auch unmoralische Verantwortung? Warum ist der Beitrag substantiell? Wie verbessert man denn eine Situation nachhaltig und dauerhaft?
Das ist, mit Verlaub, Laberkram. Es ist einfach eine schlechte Angewohnheit, die die gute Frau da von den Politikern abgeguckt hat. Und die wiederum setzen auf die Psyche: “Aktiv gestalten” klingt einfach besser als “mitmachen”, und ein paar eingestreute Worte wie “substantiell” und “effektiv” machen nun mal den Eindruck, als wäre man unendlich wichtig und hätte ein wachsames Auge auf alle Probleme unseres Landes.
Ich finde ja: Wenn man nichts weiß, sollte man einfach mal die Klappe halten und die nunmehr entstandene Stille effektiv und auch nachhaltig genießen.
Unwort des Tages: Substantiell.



Ich stimme dir nachhaltig zu!
Es geht doch nichts über gepflegten Worthülsenweitwurf!