Alle Jahre wieder - nachhaltiges Wählen auf kommunaler Ebene

24 05 2008

Denken Sie doch mal daran, liebe Bürgerinnen und Bürger, sich zu freuen, dass Sie in einer Demokratie leben. Versuchen Sie es einfach mal. Beim Einkaufen. Oder beim Verharren im Wartezimmer (da haben Sie doch sowieso nichts zu tun). Oder beim Geschlechtsverkehr.

Freuen Sie sich also, bürger Lieberinnen und Lieber, dass wir in einer Demokratie leben und es uns deshalb so gut geht.

Wegen dieser Einleitung könnte ich mich eigentlich von der SPD als Kandidat zur Bundespräsidentenwahl aufstellen lassen, nicht wahr? Aber das ist ein anderes Thema.

Thema, under Bürgerinnen lieber Bürg, ist die Wahl, die ja nun morgen stattfinden wird. Für diejenigen von Ihnen, die jetzt in Panik verfallen und sich selbst für ernsthaft dement halten: Es sind nur Kommunalwahlen, und zwar in Schleswig-Holstein.

Wie langweilig, denken Sie jetzt.

Aber nein, lieber Underinnen bürg Under, mitnichten! Sie wissen ja, die Wahlen sind wichtig. Sie sind gewissermaßen, um in etwas antiquierten Worten zu sprechen, die Tretmühlen unserer Demokratie. Es ist zwar anstrengend, hinzugehen, aber es geschieht für einen guten Zweck. Sie wissen schon. Kampf gegen rechts und so.

Wie das vor Wahlen immer so ist, haben politisch engagierte und/oder gut bezahlte Bürgerinnen und Bürger die Stadt mit Wahlplakaten zugepflastert. Und so hängen in Kiel jetzt streng frisierte CDU-Frauen neben dicklichen SPD-Kandidaten, die aussehen, als ob sie gerade dem Wacken Open Air-Festival entlaufen wären, umrahmt von erstaunlich besonnen aussehenden Grünen. An die FDP kann ich mich nicht erinnern.

Es gibt hier sogar einen CDU-Kandidaten, ich habe leider seinen Namen vergessen, der, glaubt man seinen Plakaten, sowohl für den Landtag als auch für den Kreistag kandidiert. Wie er das anstellen will, ist mir schleierhaft, zumal wir ja morgen gar nicht den Landtag wählen. Aber bitte sehr, versuchen kann er es ja gern. Ich sage nur: Hochmut kommt vor dem Fall!

Oder war’s Hormuth?

Kann nicht sein, denn der ist ja schon da…

Egal. Mündig und bürgerlich, wie ich bin, habe ich mir natürlich die Kommunalwahlprogramme jeder Partei, die ich für bedeutsam halte, zugelegt.

Naja - ich gebe zu, es war etwas anders. Ich ging friedlich durch die Fußgängerzone, als ich plötzlich hinterrücks von einer CDU-Wahlkämpferin angefallen wurde. Trotz ihrer wahrlich martialischen Berufsbezeichnung hatte sie nur beschränkt Grausames mit mir vor: Sie drückte mir das Kommunalwahlprogramm der CDU mitsamt EM-Planer in die Hand, während sie sagte: “Möchten Sie einen EM-Planer?”

Das ist schon symptomatisch, weil gelogen. Sie hätte ebensogut “Der Haifisch hat Zähne, und die trägt er im Gesicht” sagen können, das wäre genauso angebracht gewesen. Denn offensichtlich ging es ihr nicht um den EM-Planer, sondern um das Programm. Und sie hätte mich auch nicht zu fragen brauchen, da ich es ja schon in der Hand hatte, bevor sie anfing zu sprechen.

Derart überrumpelt wollte ich natürlich auch den anderen Parteien eine Chance geben und besorgte mir auch deren Programme.

Das Erste, was mir aufällt, ist: Die FDP hatte am wenigsten Lust. Es findet sich im liberalen Heftchen kein einziges Bild. Das Programm ist eine unmotivierte Aneinanderreihung von Buchstaben. Nicht mal zum Blocksatz konnte man sich im FDP-Denkerstübchen durchringen.

Das Programm der FDP habe ich also leider nicht gelesen, weil ich dazu keine Lust hatte.

Die CDU bezieht sich (wohl unwissend) auf einen meiner Artikel und wirbt “für ein nachhaltiges Kiel“. Davon wird mir nachhaltig und effektiv übel. Aber immerhin gibt es viele Bilder, sogar teilweise bunt, und eine Menge lustiger Phrasen.

Die SPD hat sich augenscheinlich dieses Jahr eine große Runde von Finanzexperten eingeladen, die nach einer Behandlung mit bewusstseinserweiternden Mitteln zu dem Ergebnis gekommen sind, durch Folgendes die finanzielle Situation der Stadt verbessern zu können:

“Wir nutzen die kaufmännische Buchführung (Doppik) und entwerfen zur Konsolidierung der Finanzen ein Ressourcenverbrauchskonzept.”

Herzlichen Glückwunsch. Warum sich durch eine veränderte Art der Buchführung die Menge des zur Verfügung stehenden Geldes erhöht, erschließt sich wohl nur den zugedröhnten Finanzexperten. Trotzdem: Ein neues Konzept ist immer gut. Noch dazu eines mit solch einem schönen Namen.

In Kiel wird es im nächsten Jahr Geld regnen, denn: “Aufgabenkritik wird zu mehr Effizienz und Effektivität führen.”

Entweder ist das ein Euphemismus für die Reduzierung von Ausgaben oder eine mir unbekannte Methode des Gelddruckens.

Die Grünen beschäftigen augenscheinlich einige Autoren in ihren Reihen. Anders kann ich mir den grünen Roman nicht erklären, den ich da lesen musste…

Die Grünen sind übrigens für die Wiedereinrichtung einer Straßenbahn in Kiel. Die gab es schon mal, die Bahn - in den 80er Jahren wurde sie jedoch aus mir völlig schleierhaften Gründen abgerissen.

Natürlich braucht es dafür einen schönen Namen. Einen, der dynamisch ist und zugleich modern. Der Weltoffenheit ausdrückt. Die Grünen nennen es “StadtRegionalBahn” und verfallen DerSelbenKrankheitWieDieDeutscheBahnAG. Da gibt es ja auch nur noch ServicePoints, RestaurantWagen und FahrKartenAutomaten.

Die Stadtregionalbahn ist übrigens “mit 356 Millionen Euro Investitionskosten sehr kostengünstig.“

Den Gagschreiber der Grünen will ich auch!

Weiterhin wird stolz berichtet: “Einen großen Erfolg unserer Politik stellt die innovative Bauausstellung (InBA) 2008 mit dem Schwerpunkt ‘energetisches Bauen’ dar. “

Mit kleinen Schritten zum Ziel. Deswegen mag ich Kommunalpolitik so gerne… es geht um Spielplätze, Videokameras und Ausstellungen. Es muss sehr frustrierend sein, damit Wahlkampf führen zu müssen.

Was ist eigentlich “energetisches Bauen”? Das klingt ein wenig nach einer Selbsthilfegruppe für Architekten…

Liebe Bürgerinnen und Bürger. Trotz all dem Schmu, der in den Kommunalwahlprogrammen steht, trotz all der -innen und -ins, die Ihnen, liebe Bürgerinnen und Bürger, liebe Kielerinnen und Kieler, ins Auge kriechen und Sie, liebe Leserinnen und Leser, den Zusammenhang der Sätze kaum mehr gedanklich durchdringen lassen: Gehen Sie zur Wahl. Denn nur dort haben Sie die Wahl, ahahaha.

Im Ernst: Wenn Sie sich amüsieren wollen, lesen Sie mal Wahlprogramme. Nirgends werden Sie so viele Phrasen finden, so viel Schönklingendes Wohlschmeckendes Positives, aber auch irgendwie Nichtssagendes: Im Land der Wahlprogramme, dort, wo man den Sinn des Satzes nach den Sprachfiguren ausrichtet. Und das Ganze dann, im Unterschied zu Thomas Mann, doch irgendwie schlecht klingt:

“Die Serviceorientierung des Jobcenters muss weiter verbessert und den Bürgerinnen und Bürgern die Sicherheit gegeben werden, hier nicht nur gefordert, sondern auch sinnvoll gefördert zu werden.”

“Nicht nur Floskeln, sondern auch wohl formulieren!”, möchte man da rufen…

Ich habe morgen die Qual der Wahl. Ich werde den wählen, der am besten Deutsch kann.

Unwort des Tages: Kielerinnen und Kieler.


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7 Antworten zu “Alle Jahre wieder - nachhaltiges Wählen auf kommunaler Ebene”

25 05 2008
Sebastian (08:47:18) :

Eine Diskussion über und dann auch mit dem SPD-Rollenspieler (mit dieser Theorie lag ich übrigens richtig) hatten wir neulich auch an anderer Stelle. Wie es sich gehört mit erzürnten Kommentatoren, damit es Spaß macht :-)

25 05 2008
Basti (12:52:07) :

Sehr unterhaltsam…
Ich bin neidisch. Da hat es jemand geschafft, NOCH früher als ich über die Kommunalwahl zu schreiben. Kaum zu glauben…

25 05 2008
romanmoeller (19:47:53) :

Sehr nette Abhandlung darüber, das man als mündige Bürger eigentlich seiner Verantwortung zur Wahl nachkommen möchte (wie du sagst: “rechts abwählen und so”), einem aber etliche Steine in den Weg gelegt werden, eine sachliche, fundierte und vorurteilsfreie Entscheidung zu treffen!

Und ja: Wahlprogramme lesen macht Spaß! Alternativ empfehle ich auch Interviews beliebiger (Möchtegern-)Spitzenpolitiker in überregionalen Tageszeitungen!

Und den guten Frederic hast du da ja mal erstklassig gedisst - wie ich ihn kenne, wird er es aber mit Humor nehmen. Hoffe ich. ;-)

25 05 2008
Jenni (19:55:53) :

Schön finde ich auch die Sprüche auf diversen Palkaten, an denen ich am Wochenende vorbei gefahren bin (und ich bin an VIELEN vorbeigefahren). Von den dümmlich grinsenden oder bierernst in die Kamera glotzenden Damen und Herren mal abgesehen (ich frage mich, ob das mit dem Foto auf den Wahlplakaten ähnlich ist wie mit den Fotos im Perso) gibt es da ja auch immer öfter mal erbauliches zu lesen. Neben dem Bilduntertitel: Er bleibt! (Drohung, Versprechen?) War mein Favorite ja immer noch: Sozial. Gerecht. Vor Ort.

Da musste ich dann doch schmunzeln. Scheiß doch auf sozial und gerecht, das behaupten eh alle von sich, aber vor Ort (sein)! Das muss denen erstmal einer nachmachen^^

25 05 2008
Basti (20:43:55) :

Na der Frederic kann das ab, denke ich. Zumal ich ja nix Schlechtes über ihn schrieb, nicht wahr?

Noch nicht, hähähä…

Wenn man schon das Vor-Ort-Sein als Argument bringen muss, sieht es ja wirklich düster aus, Jenni… was für ein Plakat war es denn? Muss ja irgendwas Linkes sein. Wobei nein, heutzutage ist ja jeder “sozial”. Zumindest offiziell.
Der Adolf war übrigens auch dem Namen nach “sozial”, aber das ist eine andere Geschichte…

26 05 2008
Jenni (18:45:24) :

Joa, links ist die richtige Richtung, wobei man ja auch nicht ZU links sein will. Aber das Logo ist rot ^^
Vielleicht sollte ich auch in die Politik gehen? Vor Ort sein kann ich gut ^^

26 05 2008
hormuthsfrederic (23:25:31) :

Nö, mach nur. Ich hatte auch schon dran gedacht, mal ein Programm so zu nennen ;-)

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