Von schwulen Zwergen und blasenden Walen - ein linguistischer Artikel

16 07 2008

Erschreckend wenige Menschen befassen sich wirklich bewusst mit dem, was sie die meiste Zeit des Tages tun: reden. Sie nehmen einfach so hin, dass sie den Mund aufmachen und da dann unsinnige Laute herauskommen, die, klebt man sie in Gedanken zu Strukturen zusammen, mehr oder weniger Sinn ergeben. Sie nehmen einfach so hin, dass ein Mensch, der möglicherweise nur eine Straße weiter wohnt, eine komplett andere Sprache spricht und nicht ein einziges Wort verstehen würde, wenn Sie hingingen und ihm einen Heiratsantrag machten (oder, etwas handfester, für die männlichen Leser: … ihm mit dem Tode drohten).

Lassen Sie sich gelegentlich mal fallen, liebe Leser, und schauen Sie sich an, was Sie da eigentlich den ganzen Tag lang reden. Achten Sie mal nicht auf den Inhalt der Sätze, die Sie verzapfen, da werden Sie nämlich bekloppt. Ich kenne das.

Achten Sie mal auf so Kleinigkeiten.

Zum Beispiel das, was der Brite so schön compounding nennt. Also das unmotivierte Aneinanderkleistern von Nomina, so dass die einen neuen Sinn ergeben. Zum Beispiel Handschuh. Ein Schuh für die Hand. Ist doch sinnig, oder? Leuchtet jedem sofort ein.

Die meisten dieser Wörter sind aber gar schrecklich zweideutig, wenn Sie es nur so wollen! Der Schreibtisch, zum Beispiel. Gar ein intelligentes Möbelstück?

Oder der Schreibtischtäter - ein sexueller Perversling mit einem Fetisch für hölzerne Unbeweglichkeit?

Und was für eine Art Wicht ist eigentlich ein Gleichgewicht? Ein Gleich-Geh-Wicht, also ein schwuler Zwerg? Oder einer, der gleich wieder geht, nachdem er gekommen ist, also ein sexfixierter Zwerg?

Entfernen wir uns von den Nomina und schauen in das Reich der Tiere. Die englische Kreativität beim Finden eines Begriffs für flatternde Falter habe ich an anderer Stelle schon gelobt: butterfly. Man möge sich bildlich vorstellen, wie in goldene Alufolie verpackte englische Butter über grüne Wiesen fliegt.

Der deutsche Begriff ist jedoch nicht weniger seltsam: Schmetterling. Als ob man das höchst aggressive Verb schmettern mit einer verniedlichenden Endung entschärfen könnte! Schauen Sie sich mal so ein Schmetterding an - sieht der aus, als ob er durch die Luft schmettert? Er flattert doch eher, oder? Warum also nicht Flatterling?

Sie haben doch bestimmt auch alle Moby Dick gelesen. Sie wissen schon, den, den wir Ismael nennen sollen. Also nicht den Wal.

Da heißt es doch ständig “Wal! Da bläst er!”, wenn ein Wal gesichtet wird. Warum bedient sich der Mann im Krähennest solch yodaesken Satzbaus? Warum sagt er nicht einfach: “Hey yo, mal alle herhören, da unten schwimmt so’n Riesenvieh ‘rum!” oder auch walweise (haha) einfach nur: “Da bläst ein Wal!” Ich sage doch bei nahender blechernder Gefahr nicht “Auto! Da kommt es!” oder bei noch größerer, intellektueller Gefahr “Klausur! Morgen ist sie!”

Aber wirklich hinterfragt wird solch eine stilistische Fragwürdigkeit anscheinend nie. Ich wette mit Ihnen: Wenn Sie irgendwo in Norwegen oder sonstwo Whale-Watching betreiben und Sie begegnen auf See unverhofft einem mutierten, wasserbewohnenden Säugetier mit ‘ner ziemlich großen biologischen Masse, dann sagen Sie garantiert mit pathetischer Inbrunst: “Wal! Da bläst er!”

Selbst dann, wenn der Wal gar nicht bläst. Wetten?

Die deutsche Sprache ist interessanter, als Sie glauben, liebe Leser:

Noch mal zurück zu den Nomina. Wenn jetzt der Juan Carlos mit der Queen…, ist das dann ein Staatsakt? Und wenn ja: Was ist dann ein Gründungsakt?

Unwort des Tages: Gegengewicht.


Aktionen

Information

6 Antworten zu “Von schwulen Zwergen und blasenden Walen - ein linguistischer Artikel”

16 07 2008
cimddwc (21:26:17) :

Fang mir jetzt bloß nicht mit Akten mit grünem Dung an! :P Da will ich mir jetzt nichts weiter darunter vorstellen…

Aber was den blasenden Wal betrifft: ich würde einfach sagen, der Rufer is ma(e)l nicht so firm in der deutschen Sprache (oder der englischen, wenn wir uns aufs Original beziehen, wo der Wal ja auch noch weiblich ist – “there (oder thar) she blows!”).

16 07 2008
buchstaeblich (22:02:20) :

Aus aktuellem Anlass:
Wa(hl)kampf (wenn große Tiere wetteifern):
“Wulff: Da bläst er (heiße Luft)!”

17 07 2008
julial49 (16:07:13) :

Ähm ja, ich hab den Dicken nicht gelesen und weiß jetzt nicht, warum wir den Ismael nennen sollen (naja, eine Google-Suche förderte Orson Welles zutage).

Jedenfalls werde ich jetzt nie wieder ohne Lachanfall Gleichgewicht sagen können! Danke, Basti! Aber sowas von!

18 07 2008
Basti (10:56:55) :

Das mit Ismael erklärt sich folgendermaßen: Der erste Satz von Moby Dick lautet “Nennt mich Ismael” (denn der Roman wird aus der Ich-Perspektive erzählt…). Ein gaaaaanz berühmter Satz, eigentlich.
Genau so wie der erste Satz von Dantes “Göttlicher Komödie”, aber den habe ich gerade mal vergessen.

12 08 2008
Jessebird (20:39:55) :

Ich weiss, das ist pingelig jetzt, aber: NIRGENDWO im Moby-Dick kommt die Formulierung vor “Wal! Da bläst er!”. Kann man ganz leicht nachprüfen, wenn man unter Moby-Dick als Suchbegriff “blows” eingibt. Keinmal findet man ein “Whale! There she blows!”
“There she blows!” natürlich schon, so wird auf einem Walfänger halt vom Ausguck ein Wal “ausgesungen”. Zum Beispiel Kap.47:
“There she blows! there! there! there! she blows! she blows!”
“Where-away?”
“On the lee-beam, about two miles off! a school of them!”

Auf die Art wird dem versammelten Schiffsvolk kundgetan, dass ein oder mehrere Wale in Reichweite sind.

Soviel dazu, musste halt mal gesagt werden. Davon aber abgesehen stimme ich dir voll und ganz zu: ein bisschen nachdenken über das, was man so von sich gibt, kann nicht schaden!

13 08 2008
Basti (22:09:06) :

Naguuuuuuuut… :-)

Einen Kommentar schreiben

Du kannst diese Tags benutzen : <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>